GESCHICHTEN & LEKTORAT

„A good artist lets his intuition lead him wherever it wants“

Laotse, Tao Te Ching

„Beim Bestseller „Die Enden der Welt“ war Frauke Abraham erste Leserin.

Die Begegnung mit Roger Willemsen, mit einem kreativen Kopf erster Güte, wurde zu einer Art Weckruf.

Es kann begeistern, schon niedergeschriebenen, aber noch nicht publizierten Texten zu neuen Nuancen zu verhelfen.

„Und wer ahnt schon, was für eine Premium-Leserin in Dir steckt. Ja, es war schön, dieses Buch mit Dir zu teilen.“

Roger Willemsen

Für andere zu lesen, das ist die eine Sache. Zwar hatte Frauke Abraham im Laufe der Jahre per Ehrenamt etwa psychologischen Fachgutachten zu mehr Klarheit verholfen oder selbst Texte für die Welthungerhilfe verfasst.

Aber selbst Geschichten zu erzählen, richtige Geschichten, mittels Text oder Bild, das ist doch eine ganz andere Sache. Eine, wie sich im Laufe der Zeit herauskristallisierte, immer notwendigere und hoch wünschenswerte Sache.

Insofern waren die vielen kleinen Schritte in diese Richtung so langwierig wie folgerichtig.

Das erste eigene Buch soll bald der Öffentlichkeit präsentiert werden, und viele weitere Projekte  warten auf ihre Umsetzung.

Kinder Paradise: Vertrauen fassen und die Vergangenheit loslassen

Verwaisten, notleidenden und Straßenkindern aus Ghanas Hauptstadt eröffnet sich durch Kinder Paradise die Möglichkeit, zu unabhängigen, verantwortungsvollen und selbständigen Menschen heranzuwachsen. Sei es im Kinderheim in Prampram im Straßenzentrum der Innenstadt, seien es die Jugendhäuser in Accras Norden Adenta.. Vermittelt wird überall dasselbe: Fürsorge und Beistand, Bildung und Zugang zu einer Ausbildung. Die einst im Elend und am Rande der Gesellschaft Lebenden fassen Fuß im eigenen Land.

Silke Rösner, Initiatorin und Leiterin von Kinder Paradise, räumt dem Faktor Bildung einen hohen Stellenwert ein. Kinder Paradise, so sagt sie, leiste einen Beitrag zur sozio-ökonomischen Entwicklung Ghanas. Was sie damit meint, mag Jacob, ein heute zwanzigjähriger Kinder Paradisler in Adenta, exemplarisch vor Augen führen. Jacob reißt mit sieben Jahren zum ersten Mal aus. Dass diejenigen, deren Prügel er so fürchtet, nicht seine biologischen Eltern, sondern eine Art Ersatzversorger gewesen seien, auf diese Unterscheidung legt er großen Wert. Wie er eigentlich zu ihnen kam - oder sie zu ihm – darüber hat er keine Erinnerung. Er entflieht, ein Knirps, entflieht der Summe dortiger Lebensumstände, doch er rennt nicht weit genug. Nur bis ins Nachbardorf. Dass die Suche erfolgreich war, überrascht ihn, auch viele Jahre später, offensichtlich weit weniger als das Faktum, dass sein Verschwinden überhaupt irgendjemanden in Bewegung zu setzen vermochte. Er wird aufgegriffen und verprügelt, also lernt Jacob: Er muss nächstes Mal mehr Raum zwischen sich und jene legen. In Accra gibt es 30.000 Straßenkinder, da fällt ein Jacob mehr oder weniger kaum auf. Er flieht erneut. Hält sich über Wasser durch. Dies und Das, und taucht schließlich, jetzt sechzehnjährig, im Straßenzentrum von Kinder Paradise auf. Er beherrscht weder  Englisch noch kann er sonderlich lesen oder schreiben. Aber er ist ein Glückskind! Er wird aufgenommen in Adenta, hat ein eigenes Bett, Freunde, Geschwister, Väter, Mütter, Sorge Tragende, und sie alle bringen ihm eine Menge bei. Zuerst einmal Englisch. Sie halbieren ihm zuliebe das Tempo ihres Redeflusses, erwarten mit Geduld Isaacs erste gestammelte Antworten und ermutigen ihn unverdrossen zum Lernen. Dazu muss ihn streng genommen keiner überreden. Jacob wird in zwei Jahren Abitur machen. Danach, wenn alles klappt, Lehrer oder Sozialarbeiter werden. Wie Kennedy, sein Vorbild, Kennedy, der Sozialarbeiter in Kinder Paradise.

Kennedy hat in Ghana Sozialarbeit studiert. Während er seinen Blick in den Zweigen des Mangobaums versenkt, denkt er laut über das Rätsel nach, wie eine tragfähige, nahe Verbindung aufzubauen und auch zu halten sein könnte. Zu Jugendlichen. Zu Menschen also, die ohnehin und überall auf der Welt ihre Erzieher in den zeitweiligen Wahnsinn treiben. Aber ist das Eis nicht besonders dünn, wenn zum einen die Erzieher, wie bei Kinder Paradise, gar nicht die leiblichen Eltern sind? Und wenn es sich zum anderen um Jugendliche handelt, die allzu viel wissen von Gewalt, Missbrauch,Verwahrlosung und Verlust? Wie soll man taktvoll, wirksam und förderlich einwirken auf die Verletzbaren, Verwaisten und Verstoßenen? Es muss auf allen Ebenen geschehen. Kinder Paradise muss auf allen Ebenen arbeiten. Nicht die geringste ist die administrative. Kinder Paradise ist das erste von der Regierung zertifizierte Kinderheim in ganz Ghana.

Hausmutter Caro hilft den Kleinen bei den Hausaufgaben. Die drei jungen Mädchen leben in einem Jugendhaus in Adenta. Hier sind sie geschützt - und endlich fröhlich. Silke Rösner und Heike Atta-Drechsel gebührt der Verdienst, in Zusammenarbeit mit staatlichen Sozialinstitutionen einen Leitfaden verfasst zu haben, der Transparenz schafft: Wie sieht professionelle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus? Was bei Kinder Paradise funktioniert, soll auch als Muster für jene Heime gelten, die noch im Aufbau begriffen und ausbaufähig sind. Immerhin gibt es in Ghana mittlerweile noch sechs weiter lizensierte Kinderheime. Der Traum von Kinder Paradise wiederum liegt in der Erhöhung der eigenen Kapazitäten, solange die Qualität aufrechtzuerhalten ist. Das Professionelle und das neu geschaffen Familiäre bedingen einander hier. Und es funktioniert: Der Umgang der Jugendlichen miteinander kann jeden Gast nur verblüffen. Wo gäbe es ähnliche Offenheit, solche Herzlichkeit, wo nennen so viele junge Menschen beiderlei Geschlechts einander Brüder und Schwestern, in der besten Bedeutung des Wortes?

Flankiert wird jede Herzlichkeit durchaus durch klare Hierarchien. Ältere haben gewisse Vorrechte vor Jüngeren. Das gilt. Unter den Kindern, den Jugendlichen, den Hausmüttern bis zum mehrköpfigen Management-Team. Um die Entwicklung der Jugendlichen transparent zu halten, gibt es unter anderem die Log Books. Graue Hefte, eins für jeden Jugendlichen, jedes Kind. Täglich sind die Hausmütter in der Pflicht, Notizen einzupflegen. Die Kriterien sind vorgegeben, freie Beobachtung darüber hinaus immer erwünscht. Was gemeint sein könnte mit der Frage nach gesundem Gespür für Distanz und Nähe, dies wird in Prampram durch ein hinreißendes, etwa hüfthohes Mädchen bestürzend deutlich. Wahllos überschüttet sie Fremde und echte Bezugspersonen gleichermaßen mit überbordenden Zärtlichkeiten. Ungeachtet dessen kann es ihr auch einfallen, beide über Monate zu ignorieren oder mit Wutanfällen zu überziehen. Das Kind wurde mit zwei Jahren wahrscheinlich über einen langen Zeitraum sexuell missbraucht. Die Begegnung mit ihr erzeugt unmittelbar Verständnis für die Notwendigkeit eines vielschichtigen Fürsorgenetzes in Kinder Paradise.

Vielschichtig und durchdacht ist das Konzept von Kinder Paradise - mit einer Anzahl von Regeln, zur Lektüre an die Wand geheftet. Die Regel Nr. 11 für Hausmütter lautet: „Halte die Kinder an, ihre Hausaufgaben zu machen, und ermutige sie zum Lesen”. Klare Richtlinien und nachvollziehbare Strukturen sind wichtig, egal, ob es sich um die Erfüllung der täglichen Hausarbeit, Verhalten gegenüber Gleichaltrigen und Angestellten oder um die Handhabung des Fernsehkonsums handelt. Regeln gelten für alle, ihre Missachtung hat Konsequenzen. Wer etwa außerhalb der erlaubten Zeiten im Gemeinschaftsraum die falschen Filme anschaut und sich dabei Stolz zeigen die Jungen Frauke Abraham ihre gemalten Bilder. erwischen lässt, wird zur Ahndung Vorhänge und Kissenbezüge des Wohnzimmers waschen. Oft spricht Kennedy zu den Jungen und Mädchen darüber, die Vergangenheit loszulassen. Wer Enttäuschungen zuviel Raum gebe, an wem Kränkung endlos nage, der übersehe das Wichtigste. Es noch einmal zu versuchen!

Dr. Frauke Abraham lebte drei Wochen mit den Jugendlichen von Adenta, um Zeichenkurse zu geben und Teil der Gemeinschaft zu sein.

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